Windows, Kinderfotos und die Cloud

Wer Fotos seiner Kinder oder Enkel auf dem heimischen Windows-PC ablegt, sollte zukünftig genau überlegen, was er da tut.

Der bekannte deutsche Justiz-Blogger Udo Vetter berichtete kürzlich über den Fall, dass jemand zum eigenen Gebrauch Fotos in der Microsoft Cloud OneDrive (früher SkyDrive) ablegte. Wie sich herausstellte, scannte Microsoft automatisiert diese hochgeladenen Dateien – und entdeckte bei diesem Scan ein Foto, dass offenbar Kinderpornografie zeigte. Diese Information wurde an eine amerikanische Kinderschutzeinrichtung übergeben und landete am Ende bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg, die auf dieser Grundlage einen Hausdurchsuchungsbefehl erwirkte. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: „[…] die Polizei kam im Morgengrauen und packte die gesamte Hardware meines Mandanten ein. Sie will jetzt schauen, was er sonst so auf seinen Rechnern hat.“, so Vetters lapidare Zusammenfassung.

Algorithmen bewerten alle Fotos in der Cloud

Dieser Fall ist gleich in mehrfacher Hinsicht spannend. Er zeigt einerseits, dass persönliche Daten, die in der Cloud abgelegt werden, gescannt und bewertet werden. Außerdem zeigt er sehr anfassbar, was für weitreichende Folgen die „Bewertung“ unserer Daten hat. Kommt die Scannersoftware zu dem Schluss, dass ihr nacktes Kind in der Badewanne Pornografie ist, dann kann das ernste Konsequenzen haben. Sollten Sie dabei irrtümlich unter die Räder kommen, liegt es auf der Hand, dass dieser Verdacht sich so bald nicht mehr aus Welt wird räumen lassen.

Cloud oder lokal? Unter Windows 8 gibt es unterschiedliche Benutzerkonten
Cloud oder lokal? Unter Windows 8 gibt es unterschiedliche Benutzerkonten

Spannend an dieser Entwicklung ist, dass Windows Phone 8 und Windows 8 (und die nachfolgenden Versionen) sehr gerne automatisch Daten mit dem OneDrive syncronisieren. Wer sein neues Windows standardmäßig konfiguriert hat, hat auch direkt ein sogenanntes Microsoft-Konto statt einem klassischen „lokalen Benutzerkonto“ auf seinem PC installiert. Der kleine aber feine Unterschied: das Microsoft-Konto wird für den stressfreien Datenabgleich zwischen dem PC, Laptop und Smartphone genutzt – da können also ganz schnell vollautomatisch Daten ins Netz wandern, die sie dort lieber nicht mehr lagern sollten.

D.h. im Ergebnis: jeder muss davon ausgehen, dass Fotos in der Cloud überprüft werden. Diese Überwachung ist übrigens nicht auf Microsoft OneDrive beschränkt. Auch per E-Mail versandte Fotos werden standardmäßig von Google und Microsoft überprüft, gleiches gilt für Facebook-Postings. Dabei kommt laut Presseberichten die Software PhotoDNA zum Einsatz.

Überwachung gegen Terroristen ist doch gut, oder?

Heute wird als Grund für die anlasslose Generalüberwachung die Kinderpornografie genannt – also einem Grund, dem kaum jemand widersprechen möchte. Schon morgen aber können dieselben Scanner loslegen und alle Fotos nach Terroristen und Mördern abscannen – Sie könnten ja einen kennen. Übermorgen sind dann die Steuerbetrüger und Parksünder dran. Dass dieser Ausblick nicht mehr ganz fern ist, belegte jüngst der englische Premierminister David Cameron sehr schön. Der sagte in einem Interview ganz unumwunden, dass [Terroristen] „kein Raum zur sicheren Kommunikation“ geboten werden dürfe. Dabei ist natürlich klar: jeder kann Terrorist sein oder werden, von daher muss sämtliche sichere Kommunikation unterbunden werden – was kurzerhand von ihm auch direkt so gefordert wurde.

Hilfe gegen die Cloudüberwachung

Wer all das nicht möchte, steht vor einem Problem: entweder baut man sich seine eigene Homecloud oder kümmert sich um effektive Verschlüsselung seiner hochgeladenen Daten. So richtig einfach ist Verschlüsselung in der Cloud aber noch lange nicht. Facebooks WhatsApp gilt momentan als relativ sicher, die eigentlichen Cloudstorages bei Apple, Amazon und Microsoft hingegen sind es nicht. Wer sie nutzen will, muss sich selber um Verschlüsselung kümmern – was so manchen Nutzer aber schlichtweg überfordert. Erschwerend kommt hinzu, dass Teile der Gesellschaft Datenschutz gleichsetzen mit „der hat was zu verbergen, also ist er ein Terrorist.“

Der nächste Cryptowar kommt

Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Klar ist: richtig gemachte Verschlüsselung bringt auch im digitalen Zeitalter einen Hauch von Privatssphäre zurück. Die Staaten wissen das und nutzen aktiv Verschlüsselungstechnologien wie bspw. PGP. Wenn jedoch „Normalbürger“ sich im besten Sinne nach Gerhart Baum „den Staat vom Leib halten wollen“, reagiert er recht unwirsch. Diese Inkonsequenz kann nicht mehr lange gut gehen, immerhin ist der Trend zur computerbasierten Verbrechensbekämpfung auch in Deutschland voll im Gange. Damit diese Algorithmen gut funktionieren, müssen sie uns aber komplett durchleuchten können – und darum kann der Staat kein Interesse an funktionierender Verschlüsselung für seine Bürger haben. Alles läuft auf die Frage hinaus: Lassen wir starke Verschlüsselung zu oder verbieten wir sie per Gesetz? Eine Neuauflage der Cryptowars von vor 20 Jahren steht bevor.

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