Wie das WLAN ins Wattenscheider Ferienlager kam – oder: Freifunk führt zusammen

Wenn die Kirche, die Sportler, das Zeltlager, Vereine, Politik und die örtliche Jugend Hand in Hand arbeiten, dann ist das durchaus eine Nachricht wert. Im April 2021 nahmen die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit erstmals konkrete Form an. Ein Bericht.

WLAN im Wald?

Am Ortsrand von Mellnau, umgeben von jeder Menge Wald, liegt das Jugendferienheim Burgwald des Wattenscheider Ferienlager e.V. – mitunter auch „Wattenscheider Lager“ genannt. Das erste Zeltlager fand 1956 in Mellnau statt und ist seitdem unterhalb des Burgbergs beständig gewachsen. Auf rund 7.500 Quadratmetern stehen zahlreiche Gebäude, vom massiven Haupthaus über diverse Holzschlafhäuser bis hin zum neuen Küchentrakt und den Zeltplätzen. Und wenn in Deutschland nicht gerade Corona angesagt ist, schafft es der aus Falkengruppen entstandene Verein, übers Jahr gesehen mehreren hundert Kindern aus dem Ruhrgebiet einen Urlaub in Mellnau zu ermöglichen. Dazu kommen noch andere Gäste wie zum Beispiel die DGB-Jugend, die regelmäßig für drei Tage im Jahr in Mellnau „tagt“. Kurzum: das Ferienlager hat für viele Leute eine Bedeutung. Allerdings war es bisher dabei ziemlich offline.

Nun mag die zwangsweise WLAN-Abstinenz aus pädagogischer Sicht durchaus Vorteile haben, auf lange Sicht jedoch ist sie ein Nachteil. Denn es ist zwar schön, wenn man offline sein kann. Es ist aber weit weniger lustig, wenn man zwangsweise offline bleiben muss. Sei es der Videoabend im Vereinsheim oder einfach nur der Wunsch, mal per Video telefonieren zu wollen – ohne Netz geht es nicht. So kam es, dass bereits im Jahr 2019 im Ort darüber nachgedacht wurde, wie man das Ferienlager an das damals frisch installierte Freifunk-Netz anbinden könnte. Drei Probleme standen damals im Raum:

  • Das Lager liegt so tief im Wald, dass es kaum möglich schien, irgendein Funksignal dorthin zu bringen…
  • …und selbst wenn dies ginge, würden die nötigen Gerätschaften sehr viel Geld kosten.
  • Last but not least gab es dann noch die Frage, ob das Freifunk-Netz im Ort überhaupt stark genug ist, um mehrere dutzend Jugendliche mit mutmaßlich hoher Internet-Affinität zu „verkraften“.

Im Jahr 2019 jedenfalls schien eine Anbindung des Ferienlagers weder technisch noch finanziell möglich, so dass die Planung zunächst auf Eis gelegt wurde.

Klarheit im Kirchturm

Im Januar 2021 ergab es sich, dass die Freifunkinstallation im Kirchturm von Mellnau etwas Wartung benötigte. Bei gefühlten minus 15 Grad war das zwar wenig vergnüglich, dafür aber umso erhellender. Denn vom Kirchturm aus konnte man das Wattenscheider Lager sehen – zumindest so lange die Bäume keine Blätter hatten.

Blick vom Kirchturm Richtung Westen. Das Viereck umreißt das Hauptgebäude des Ferienlagers

Nun ergab es sich also, dass vom Kirchturm aus eine Funkverbindung zum Lager zumindest theoretisch denkbar war. Im Kirchturm selbst war auch genügend WLAN vorhanden, immerhin 4 vollwertige Internetanschlüsse mit einer Leistungsfähigkeit von zusammen rund 200 Megabit speisten ihr Signal direkt dort ein. Und mit Werner Müller und der L(i)ebenswertes Rosphetal gGbR aus Unterrosphe (auch „Stiftung Rosphetal genannt), gab es einen Sponsor, der voller Tatendrang war, die nötigen Basisgeräte zur Verfügung zu stellen.

Gesagt, getan: innerhalb kürzester Zeit hatte der Kirchturm eine weitere Antenne und der Grundstock für die Anbindung des Ferienlagers war gelegt.

Die roten Freunde

Mancher kennt das Problem von zu Hause: direkt neben dem heimischen Router ist das WLAN noch ganz toll, 20m entfernt jedoch geht nichts mehr. Während so ein Problem auf 100 Quadratmetern noch relativ leicht lösbar ist, wird es auf einer Fläche von mehreren tausend Quadratmetern deutlich komplexer. Und deutlich teurer. Allein für die WLAN-Grundversorgung des Ferienlager-Haupthauses war absehbar, dass drei relativ teure „draußentaugliche“ WLAN-Accesspoints benötigt werden würden – und wenn noch ein paar Kabel gezogen werden würden, wären auch noch mehr Geräte drin.

Da der Betreiberverein bedingt durch Corona kaum finanziellen Spielraum hatte, wurde intensiv nach einer Lösung gesucht, wie man die Anbindung des Ferienlagers vernünftig hinbekommen könnte. Die Überlegungen erreichten auch den örtlichen SPD-Stadtverband in Wetter. Diese Entwicklung war durchaus glücklich, denn das Ferienlager wurde ja von einem Verein betrieben, der aus der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung hervorgegangen ist und über mehrere Jahrzehnte vom mittlerweile 91-jährigen Herbert Schwirtz geprägt wurde, einem SPD Landtagsabgeordneten und ehemaligen SPD Oberbürgermeister von Wattenscheid. Da die örtliche SPD vertreten durch Gerd Nienhaus sowieso vom ersten Tag an den Freifunk in der Region unterstützte, sahen es die Genossen schon beinahe als Ehrensache, den roten Freunden aus dem Ruhrgebiet unter die Arme zu greifen.

Gerd Nienhaus (r), Parteivorsitzender des SPD Stadtverbands Wetter (Hessen), übergibt eine Hardwarespende an Maik Matheus, Vorstandsmitglied des Wattenscheider Ferienlager e.V. und Mitorganisator der Ferienfreizeiten.

Im Ehrenamt voran

Nachdem die technischen und finanziellen Hürden genommen waren, galt es nun, zur Tat zu Schreiten. Kabel ziehen, Büsche stutzen, Antennen verschrauben und Technik justieren – allerhand Arbeiten standen auf dem Programm.

„Falke“ Marcus Wingler reiste zweimal extra aus Wattenscheid-Leithe an, um sich ausschließlich um die Elektrik zu kümmern. Und auch aus Mellnau rückte Verstärkung an, Jörg Balzer und Andreas W. Ditze standen zusammen mit Maik Matheus, dessen Vater Wolfgang Geschäftsführer des Wattenscheider Ferienlager e.V. ist, auf Leitern und Kisten, um die WLAN-Grundversorgung des Haupthauses zu realisieren. Mit Erfolg.

Die Geräte links und rechts sind Richtfunkstrecken, über die das Internet zum Ferienlager „eingeflogen“ wird. Das Gerät in der Mitte ist ein Accesspoint, der ganz normales Freifunk-WLAN ausstrahlt.

Am 9. April wurden in einem durchaus intensiven Arbeitseinsatz insgesamt sechs Geräte im Ferienlager „verbaut“. Und wie schon ein paar Monate zuvor im Kirchturm kam es auch hier zu einem Moment der Erleuchtung.

Da geht noch was

Als sich abzeichnete, dass das offene WLAN im Ferienlager ankommen würde, kam der Gedanke auf, ob man von hier aus das Internet nicht auch irgendwie zum Sportplatz bringen könnte. Die Motivation war klar: das dortige Sportlerhäuschen wird ja regelmäßig für Veranstaltungen genutzt – von Corona-Jahren einmal abgesehen. Und mit WLAN würde das Gebäude noch einmal hinzugewinnen. Da jedoch zwischen dem Haupthaus des Ferienlagers und dem Sportplatz 200 Meter Luftlinie und 100 Meter dichter Wald liegen, kam eine direkte Verbindung nicht in Frage.

Mit etwas Geduld und einigen Versuchen fanden die Mellnauer Freifunk-Aktivisten heraus, dass es rund 40m unterhalb des Haupthauses im Ferienlager eine Stelle gibt, die relativ gut zum Sportplatz „funken“ konnte. Jetzt musste nur noch das Problem gelöst werden, 40 Meter dichten Wald zu überbrücken.

Jörg Balzer, Kassierer beim Freifunk Nordhessen e.V., richtet eine Richtfunk-Antenne provisorisch zum Ferienlager aus. Mit Erfolg: 40 bis 60 Megabit kommen an.

Die Stunde der Smartkids

Die vom Heimat- und Verkehrsverein Mellnau organisierte Kinder- und Jugendgruppe „Smartkids AG“ war coronabedingt zwar in einer Zwangspause – jedoch erschien ein Arbeitseinsatz im Wald bei abnehmender Inzidenz eine willkommene Gelegenheit, die Gruppe zu reaktivieren.

Der Plan war einfach: vom Haupthaus des Ferienlagers aus mussten Kabel in den Wald getrieben werden – und zwar bis zu der Stelle, von der aus der Sportplatz per Funk erreicht werden konnte. „Eigentlich“ ganz einfach, wenn man davon absieht, dass 40 Meter Luftlinie am Ende rund 80 Meter Verlegekabel benötigen. Und natürlich legt man bei so einer Aktion nicht ein Kabel sondern gleich ein paar mehr. Am Ende wurden fünf Kabel á 100 Meter angeschafft – dankenswerterweise finanziert aus dem Freifunk-Topf der Mellnauer Vereinsgemeinschaft.

LAN-Kabel, Leerrohre und jede Menge Montagematerial

Mitte Mai stand dann besagter Arbeitseinsatz auf dem Programm. Acht Smartkids und zwei Betreuer trafen sich um 9 Uhr. Nachdem alle Selbsttests getan und die Planung besprochen war, rückten die Kids aus, um möglichst gebäudenah und „stolpersicher“ die neuen Kabel zu verlegen.

Letzteres war leichter gesagt als getan, denn das Ferienlager verfügte bereits über eine organisch gewachsene fliegende Verkabelung. Hier mal ein Lautsprecherkabel, dort ein alter Klingeldraht – man glaubt es kaum, was man hinter so manchem Busch dort im Wald alles finden kann. Für die neuen Netzwerkkabel war diese unkonventionelle Verlegetechnik jedoch keine Option, den Wert eines Datenkabels muss man den Menschen der Smartkids Generation nicht mehr erklären. So kamen dann also Leerrohre, Schutzhüllen, Kabelklemmen und alles Mögliche an weiterem Zubehör im Wald an – und es wurde tatkräftig verbaut.

Die Smart Kids AG bei der Arbeit im Wattenscheider Ferienlager

Allein schon die Tatsache, dass die Smart Kids AG nach über 18 Monaten endlich wieder einmal zusammenkam, war an sich schon ein Grund zur Freude. Dass man außerdem noch etwas für die Dorfgemeinschaft tun konnte, gab zusätzlichen Auftrieb. Und als schließlich auch noch die Akkuschrauber ausgegeben wurden, um an allen möglichen und unmöglich erscheinenden Stellen etwas verschrauben zu müssen, gab es kein Halten mehr. Nach gut sechs Stunden und einer Mittagspause waren fünf Kabel mit einer Strecke von etwa 400 Metern verlegt. Und obwohl das Durchschnittsalter der Montierenden kaum älter als 12 Jahre gewesen seien dürfte, braucht sich das Ergebnis nicht zu verstecken. Die digitale Grundversorgung im Ferienlager kann jetzt jedenfalls auf ordentlich Substanz zurückgreifen.

Weiter geht’s im September

Da im Ferienlager den Frühsommer über die Renovierung des Küchentrakts anstand, musste der WLAN-Ausbau zunächst etwas ruhen. Im September jedoch geht es weiter – bis dahin sind alle Kabel ordentlich aufgelegt und angeschlossen, so dass die Verbindung zum Sportplatz hergestellt werden kann.

Tipp: wer einmal lernen möchte, wie man am Sportplatz einen Flutlichtmast umlegt, der macht einfach mit beim Arbeitseinsatz. Freiwillige können sich gerne melden unter freifunk@mellnau.de.

Am Beispiel der Mellnauer Freifunk-Aktivität zeigt sich sehr schön, welche große Kraft sich aus dieser gemeinnützigen Technologie ergibt. Mehr als ein Dutzend Ehrenämtler, von Wetter und Unterrosphe über Mellnau bis Wattenscheid, sind an einem Ort zusammenkommen um dort gemeinsam insbesondere etwas für Kinder und Jugendliche zu tun, die für ein paar Tage oder Wochen im Jahr etwas Zeit in Mellnau verbringen. Und ganz nebenbei profitiert der heimische Sportplatz auch noch davon. Was will man mehr?

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle gebührt allen Helferinnen und Helfern, die mit Rat und Tat zum Gelingen dieses außerordentliches Projekts beigetragen haben. Ihr seid spitze!

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