Der Zeitkapsel HowTo

Eine Zeitkapsel ist ein einfaches Ding. Man nimmt ein Gefäß, packt allerlei Dinge hinein und hofft, dass das Gefäß die Zeit übersteht. Im Großen hat sowas die International Time Capsule Society erstellt, im Kleinen ein Heer ungezählter Menschen und Organisationen.

Wie zieht man ein Zeitkapsel-Projekt richtig auf?

Eine gute, umfassend theoretisch durchdachte Handlungsanweisung gibt das OZYMANDIAS PROJECT (Archiv). David Green von der New School University hat das Thema umfassend durchdacht und jede Menge praktischer Tipps formuliert.

Was ist ein passendes Gefäß?

Soll die Kapsel 10 Jahre oder 100 Jahre überdauern? Oder 1.000? Soll sie Hochwasser, Schneestürme, Bodenfrost oder den Fall ganzer Zivilisationen durchleben? Je nach Antwort reicht vielleicht eine verkorkte Flasche, eine ordentliche Kiste oder ein unterirdischer Bunker aus Stahlbeton.

Zu beachten ist, dass die Kapsel selbst und auch der Inhalt der Kapsel bestimmten Widrigkeiten ausgesetzt ist. Eine Kapsel aus Metall kann rosten, ein Holzgefäß verrotten. Normal bedrucktes Papier löst sich im Laufe der Zeit einfach so auf (Stichwort Säurefraß) und sogar die Luft in der Kapsel kann eine Gefahr darstellen.

Tipp: Auf Ebay gibts allerlei Militärkisten für kleines Geld. Die Kisten sind mal rund, mal eckig, selten teuer und oftmals sogar luft- und wasserdicht.

Wo deponiert man eine Zeitkapsel?

Will man die Kapsel noch zu lebzeiten öffnen, bietet sich ein trockener Keller oder vielleicht auch der Dachboden an. Solange die Ecke ruhig, trocken und wenig sonnenbeschienen ist, reicht das schon aus. Schwieriger hingegen wird es mit den langlebigen Zeitkapseln. Vom „Kisten vergraben“ raten allerlei Beiträge zu dem Thema ab, da hier das Risiko besteht, dass man die Kiste einfach nicht mehr wiederfindet. Die Profi-Zeitkapsler gründen daher einen Verein, bestellen einen offiziellen Archivar, bauen sich ein schickes Gebäude und weisen darauf hin, dass es sie gibt.

Wer sich doch zum „Kisten vergraben“ durchgerungen hat, spekuliert vielleicht darauf, dass die Kiste einfach so lange im Boden ist, bis sie irgendwann mal jemand findet. Wer die Chance auf Wiederfindung erhöhen will, hinterlässt vielleicht noch eine oberirdische Widmung (Gedenktafel?) oder registriert den Standort der Kiste bei den schon erwähnten Profi-Zeitkapslern.

Ein Tipp für Verbuddler: Obwohl das Vergraben etwas verpönt ist, muss man sich dafür nicht schämen. Die richtig guten Zeitkapseln wie bspw. Troja oder Pompeji waren auch vergraben. Außerdem sollen in ein paar hundert Jahren die buddelnden Archäologen ja ab und zu auch noch ein Erfolgserlebnis haben… 😉

Was deponiert man in einer Zeitkapsel?

Wird die Zeitkapsel noch zu lebzeiten geöffnet? Wenn du deine Kapsel noch selbst öffnen willst, dann verstaue ein paar persönliche Gegenstände darin. Etwas, was dir etwas bedeutet. Fotos, ein Poesiealbum, dein Tagebuch.

Falls die Zeitkapsel nahezu „ewig“ halten soll, dann ist egal, was du hineintust. Stelle dir vor, man würde heute eine Kapsel aus dem Jahre 10 nach Christus finden. Alles aus dieser Kapsel wäre für uns heute interessant, sei es eine alte „Tageszeitung“, ein paar alte Münzen oder auch nur DNA-Reste des Kapselbesitzers.

Was sollte man beim Befüllen der Zeitkapsel beachten?

Entscheidend ist, welche Voraussetzungen beim Bergen der Zeitkapsel gegeben sind. Soll eine Kapsel 10.000 Jahre überdauern, muss man davon ausgehen, dass alle heute bekannten Sprachen dann nicht mehr bekannt sind. In solchen Fällen sollte man einen Rosetta Stone mit an Bord haben.

Wie bereits oben erwähnt, ist die Luft in einer Zeitkapsel ein wahrlich elementares Problem. Luft ist reaktionsfreudig und greift alle möglichen Substanzen an. Im Alltag fällt uns das nicht auf, aber im Laufe der Zeit wird dies ein Problem. Optimal wäre ein Vakuum im Zeitkapselbehälter, Transportkisten mit Vakuumventil wurden sogar schon auf EBay gesichtet. Wer keine Vakuumkiste hat, kann versuchen, den Inhalt seiner Kiste zumindest so-gut-es-geht zu schützen. Lamination hilft zum Schutz von Papier und mit einem Vakuumiergerät bekommt man ein paar Plastiktüten mit sehr wenig Luft darin.

Warum sollte man Zeit und Geld fürs Zeitkapseln aufwenden?

Vorsicht, ab hier wirds philosophisch. Die Frage nach dem „warum“ muss natürlich jeder für sich beantworten, aber Gründe gibt es wahrlich reichlich:

  • Praktisch gedacht: Unser Zeitalter ist von kurzlebiger Elektronik durchsetzt… und von der wird nichts übrig bleiben. CDs werden verroten, Festplatten verschleißen, Webseiten verloren gehen. Die Sorge, dass ein Gutteil unseres kulturellen Schaffens bereits in den nächsten 100 Jahren „den Bach runter geht“, ist bereits heute real. Neben den aktuellen Sorgen wissen wir auch schon, dass wir das Problem des „Vergessens“ bereits hatten. Nichtmal 1.000 Jahre ist es her, da ist auf breiter Front Wissen verloren gegangen – aus dem 11. und 12. Jahrhundert hat fast nichts überstanden. Aber selbst wenn die Erinnerungen einen jahrhundertelangen Krieg überstehen, können immer noch politische Entscheidungen oder auch unklug geplante Baumaßnahmen dazu führen, dass diese verloren gehen.
  • Etwas philosophisch gedacht: Was wollen wir denn zukünftigen Generationen hinterlassen? In 500 Jahren wird es für unsere Nachkommen ein leichtes sein, allerlei Mülldeponien und Uran-Endlager zu finden – diese Dinge sind sehr langlebig. Für Goethe, Schiller, den Koran oder die Bibel könnte es hingegen schon etwas enger werden. Noch viel schwieriger wird es für konkrete Hinweise auf das Leben in unserer Zeit, was die Menschen dachten und was sie bewegte. Den Zeitgeist einzufangen und dauerhaft zu bewahren ist nahezu unmöglich. Wer also nicht will, dass man in in ein paar Jahrhunderten mit unserer Zeit nur noch atomare Joghurtbecher verbindet, der muss daran arbeiten, etwas sinnvolles zu hinterlassen. Tipp: Kinder 😉
  • Visionär gedacht: Die Idee einer Zeitkapsel hat u.a. Andreas Eschbach in seinem Roman „Das Jesus Video“ recht spannend aufgegriffen. Würden wir heute eine solche Kapsel finden („ein Video mit dem Leichnam Jesu Christi“) stünde uns ein neues Zeitalter bevor. Oder gehen wir noch weiter Zurück, Stichwort Atlantis. Ob es diese Kultur gegeben hat oder nicht, ist umstritten – und dabei ist das gerade mal 12.000 Jahre her. Was sind schon 12.000 Jahre im Vergleich dazu, dass unser Planet Erde – technisch gesehen – noch etwa fünf bis sechs Milliarden Jahre existieren kann. Wir können doch nicht zulassen, dass wir alle paar Jahrtausende wieder bei Null anfangen müssen!

Wer all das nicht will, der muss etwas tun – jeder Versuch ist eine weitere Chance gegen das Vergessen.

Inspiration

Wer Lust auf Zeitkapseln bekommen hat und noch etwas Inspiration sucht, wird hier im Blog sicher fündig:

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7 Replies to “Der Zeitkapsel HowTo”

  1. Pingback: Querbeet durchs Internet » Blog Archive » Zeitkapsel-Gartenparty am 30.05.2009

  2. Hallo Andreas,
    bin gerade durch einen Radiobeitrag zum Thema auf deinen witzig geschriebenen Artikel gestoßen und wollte nur mal kurz „Danke“ sagen.
    Gruß

  3. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich einen solch alten Beitrag noch kommentiere?

    Ich halte es für Interessante Idee, selbst eine Zeitkapsel zu bauen. Ich spiele schon seit längerem selbst mit dem Gedanken, kommenden Generationen olch eine „Überraschung“ zu hinterlassen. Ich habe aber bisher weder einen passenden Ort noch einen passenden Behälter gefunden. Innerhalb eines Gebäudes fällt mir kein passendes Versteck ein (es sei denn, es ergibt sich bei Bauarbeiten eine Gelegenheit, aber glücklicherweise stehen hier auf absehbare Zeit keine an), und vergräbt man sie draußen, ist einerseits die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie durch Feuchtigkeit zerstört wird und anderseits die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass sie jemals wieder gefunden wird. (Gibt man aber bekannt, wo sie sich befindet, fehlt das Überraschungsmoment.)

    Da die Links auf die „International Time Capsule Society“ oben nicht mehr zu funktionieren scheinen: Man findet sie jetzt unter: http://crypt.oglethorpe.edu/international-time-capsule-society/ Das Formular zum registrieren einer Zeitkapsel findet sich unter:http://crypt.oglethorpe.edu/international-time-capsule-society/register-your-time-capsule/

    (Ob die „ITCS“ überhaupt noch aktiv ist, und wenn ja, was sie mit den gesammelten Informationen macht und wie sie sie zu gegebener Zeit zu veröffentlichen gedenkt (oder auch nicht) weiß ich allerdings nicht.)

  4. Kennt noch wer Uuencode ?
    Das macht man Folgendermaßen: Man kodiert Dateien um und druckt sie anschließend mit einem 3D-Drucker als Gebilde aus rostfreiem Metall aus.
    Davon verteilt man mehrere Exemplare über die gesamte Welt.
    Wichtig sind vor allem Bauanleitungen und Programmiertexte, aber auch ein paar gute Bücher, Filme und Lieder.
    Ein elektromagnetischer Puls würde alle Datenträger zerstören und auch Papier verrottet innerhalb von 100 Jahren.

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