Reisebericht ins südliche Ostpreußen im April 1993

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Dieser „Bericht über eine Busreise in das südliche, polnisch besetzte Gebiet Ostpreußens vom 08. bis 14. April 1993“ von Frau Friedel Kaul aus Gießen beschreibt, welche Eindrücke und Erfahrungen die Autorin bei Ihrer Reise nach Polen auf den Spuren Ihrer alten Heimat gemacht hat. Da ich den Bericht zu schade fand um ihn in staubigen Schubladen vergilben zu lassen, habe ich ihn eingescannt und hier abgelegt. Bei Fragen oder Anmerkungen zu dem Bericht steht die Autorin gerne zur Verfügung.
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Abfahrt: 08.04.1993, Gießen, 5.30 h, Behördenhochhaus
Ankunft: 14.04.1993, Gießen, 23.00 h
Veranstalter: Busunternehmen Weber, Inh. H. Graulich, Gießen

Da 10 Teilnehmer die Reise rückgängig gemacht hatten, konnte die Firma Weber die Fahrt nicht durchführen. Somit waren wir nur noch 7 Personen aus Gießen und Wetzlar, die die Reise angetreten hatten. Ein Zubringer-Bus von der Firma Weber brachte uns nach Katzenfurt, wo ein Bus aus Siegen auf uns wartete.

Um 7.00 h fuhren wir dann ab Katzenfurt in Richtung Eisenach — Erfurt — Halle. Mittagessen um 12.00 h in einem Restaurant an der Autobahnabfahrt Halle. Nach einer Stunde ging es weiter über Berlin, Frankfurt/Oder (poln. Grenzübergang) nach Posen. Um 18.00 h kamen wir dann nach 900 km Fahrt im Hotel Novotel an. Hier gab es ein warmes Essen und eine Übernachtung.

Am nächsten Morgen (9. April), 9.00 h, ging es dann mit einer Reisebegleiterin nach Thorn. Thorn, das an der Weichsel liegt, ist eine schöne alte Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten. Ab Thorn bekamen wir einen Reiseleiter, der uns 4 Tage zur Verfügung stand. Niemand der Reisegäste sprach polnisch.

Am 10. April, 9.00 h, Abfahrt zur Barock-Kirche nach „Heilige Linde“. Dort fand um 11.00 h für eine halbe Stunde ein Orgelkonzert statt. Beim Spiel bewegten sich an der Orgel Holzfiguren, die den Charakter des Orgelspiels darstellten, z.B. Engel mit Posaunen, Harfen, Flöten und so weiter. Leider waren die Musikstücke nur sehr kurz. Trotzdem: sehr hörens- und sehenswert !

Weiter ging es dann nach Rastenburg zur Wolfsschanze. Die W. war Hitlers militärisches Hauptquartier bis 1944. Die Bunker sind von der SS Ende 1944 gesprengt worden.

Am 11. April, Ostersonntag, 10.00 h, fuhren wir mit dem Bus zur Schiffsanlegestelle Nikolaiken. Abfahrt mit dem Schiff erfolgte um 10.30 h, dann weiter bis Johannesburg, dort sind wir ausgestiegen. Unser Bus hat an der Anlegestelle Johannesburg auf uns gewartet und fuhr dann weiter in die Stadt. Hier fand wieder eine Besichtigung statt. Es war sehr schön. Dann ging es weiter nach Peitschendorf zur russisch-orthodoxen Kirche. Der Pfarrer kam gerade von Sensburg zurück und zeigte uns die Kirche. Dann kam ein altes Mütterchen auf dem Fahrrad und sprach uns in deutsch an, da sie merkte, daß wir Deutsche sind. Sie hat uns kurz ihr Leben seit 1944 geschildert, seit dem die russischen Soldaten Ostpreußen besetzt hatten. Sie hat eine Tochter und eine Enkeltochter in Sensburg. Der polnische Reiseleiter war sicher von ihren Anmerkungen nicht sehr erbaut, da sie die schwere Zeit, die sie in Polen hinter sich gebracht hatte, mit eindringlichen Worten schilderte. Es waren nach 1944 nur wenige Deutsche, die dort geblieben sind. Wir haben Geld gesammelt und ihr DM 20,00 gegeben, darüber war sie sichtlich erfreut.

Nach einer kurzen Mittagspause fuhren wir weiter zum Geburtshaus von Ernst Wiechert in Kleinort bei Peitschendorf. Das Dorf heißt heute noch „Kleinort“, da es nur aus 3 Häusern besteht. Vor dem Geburtshaus Ernst Wiecherts stand ein schönes Pferd und weidete. Die Sonne schien, ringsum war es still und friedlich und es roch nach frischer Erde und Wald.

Dann traten wir die Rückfahrt zum Reformationsmuseum in Nikolaiken an. Das Museum zeigt die Geschichte der Reformation in Ostpreußen. Die Ausstellung ist in ihrer Kleinheit und Bescheidenheit fast anrührend und man merkt die Liebe an, mit der die Initiatoren die wenigen Ausstellungsstücke dem Besucher erläutern. Um 16.00 h fuhren wir dann wieder ins Hotel zurück.

Am Ostermontag, den 12. April dann der Höhepunkt unserer Reise: Fahrt mit dem Taxi — Audi 80, Baujahr 1988, Taxifahrer „Josef“ aus Sensburg — nach Goldap (Taxi-Preis: DM 0,80 / km, Wartezeit für 1 Stunde = DM 10,00). Ein Ehepaar aus Lich hatte mich auf der Fahrt begleitet, das war sehr schön. Wir fuhren 354 km. Gesamtkosten mit Wartezeit: DM 340,00. Vor 1 Jahr waren die Preise noch erheblich niedriger !

Nach 1,5 Stunden Fahrt (ca. 130 km) kamen wir in Goldap an. Von weitem sahen wir schon den Goldaper Berg. Wir kamen in Goldap am Marktplatz an. Ich stand gleich vor dem früheren Hotel Ostpreußenhof, das den Krieg überstanden hat. Auch das Haus gegenüber hat den Krieg ohne Schaden überstanden. Alle anderen Häuser um den Markt sind durch Kriegseinwirkung zerstört worden. Alles wurde wieder aufgebaut. Die mir von damals bekannten Cafe’s Holdt und Bendick sind auch zerstört worden. Geschäfte gibt es in der Stadt sehr wenig, nur ein Cafe auf dem Marktplatz, wo es Kaffee und Kuchen gab. Ein Restaurant in der Nebenstraße hatte bis abends 20.00 h geschlossen. Dann ließen wir das Taxi am Marktplatz stehen und gingen zur Kirche, wo meine Schwester Emmi und Bruno 1943 getraut wurden. Bruder Fritz kam in Uniform vom Bahnhof gerade noch rechtzeitig zur Trauung. Die Kirche ist nach dem Krieg restauriert worden und sieht gut aus.

Dann gingen wir weiter zum Bahnhof, der offensichtlich vom Krieg verschont wurde. Der Bahnhof wurde vor einigen Jahren restauriert und sieht gut aus. Da wir mit unserem Taxifahrer Josef einen hervorragenden Dolmetscher hatten, konnten wir alles über die Nachkriegszeit von Goldap erfahren.

Wir fuhren dann zum Haus meines Bruders, wo auch meine Mutter bis Oktober 1944 gewohnt hatte. Das Haus ist leider nicht mehr da. An dieser Stelle steht seit 3 Jahren ein neues Haus mit Vorgarten. Im Nebengebäude wohnt eine alte Frau. Sie sagte uns, daß das Haus Schuhstraße 14 durch Kriegseinwirkung zerstört wurde. Sie selbst wohnt seit 1949 hier.

Dann gingen wir um die Ecke in die Bergstraße. Das Haus, das dem Bruder „Gustav“ meiner Mutter gehörte, steht noch! Dieses Haus wird nun von 4 Parteien bewohnt. Seit 50 Jahren ist da kein Farbanstrich gemacht worden, es sieht schlimm aus.

Gegen 14.00 h fuhren wir dann weiter nach Wehrkirchen (vor der Hitlerzeit: Szittkehmen). Dort ist jetzt Grenzgebiet zu Rußland, Alles ist sehr ärmlich und heruntergekommen, die Häuser und Straßen in sehr schlechtem Zustand. Die Kirche, in der ich und meine Geschwister konfirmiert wurden, steht noch ! Ich habe sie sofort gefunden, da sie auf dem Berg steht.

Als wir vor der Kirche standen, kam sofort der katholische Priester und begrüßte uns. Er zeigte uns die Kirche und erläuterte, daß sie bis 1946 evangelisch war. Da aber alle Deutschen geflüchtet waren und die Polen katholisch sind, wird in der Kirche jetzt katholischer Gottesdienst abgehalten. Dann begrüßte uns seine Haushälterin und lud uns zu Kaffee und Kuchen ein. Zur Begrüßung erhielten wir auch ein kleines Glas Wodka.

Es waren zwei schöne Stunden im Wohnhaus der Pfarrei, die bei Unterhaltung mit Kaffee und Kuchen wie im Fluge vergingen. In dem Haus wohnte früher der evangelische Pfarrer Köhler, Ich erzählte, daß der Pfarrer Köhler 1945 auf der Bucht in Pommern umgekommen ist. Das hatte ich in dem Buch Der Kreis Goldap gelesen. Zum Abschied schenkte uns der Pfarrer einige Zweige von dem Buchsbaum, der vor der Kirche wuchs. Er wünschte, das der Buchsbaumzweig in unserer jetzigen Heimat ausschlagen und zu einem neuen Baum wachsen möge. Er bedankte sich für unseren Besuch und sagte, daß wir wiederkommen möchten. Ein bewegender Augenblick.

Um ca. 16,00 h fuhren wir 3 km weiter nach Dagutschen. Am Eingang des Dorfes waren früher 2 große Bauernhöfe, Ein Hof gehörte Muravski, dort hat Hildchen ihr Pflichtjahr gemacht. Auf dem Hof standen 4 Gebäude, Wohnhaus, 2 Ställe und eine Scheune. Jetzt steht nur noch das Wohnhaus und ein Stall, alles ist sehr verfallen. Das Haus war bewohnt, aber verschlossen. Der zweite Bauernhof gehörte meinem Onkel, Franz Seidler. Dort war ich als Kind oft zu Besuch, denn das Elternhaus ist nur 10 km entfernt. Jetzt steht von dem Bauernhof nur noch die Scheune, auch schon sehr verfallen. Kein Mensch ist zu sehen. Man hat hier wirklich den Eindruck, am Ende der Welt zu sein. Wieviel gäbe ich jetzt dafür, diese wenigen km noch fahren zu können, um das Elternhaus und das Grab meines Vaters in Ribbenau sehen zu können. Alles ist in greifbarer Nähe und doch nicht erreichbar. Die Grenze in Wehrkirchen ist für den normalen Autoverkehr gesperrt. Eine Einreise in den russisch besetzten Teil Ostpreußens ist nur mit Visa und am Grenzübergang Heiligenbeil möglich. Nach Auskunft des Priesters soll die Grenze in Wehrkirchen im nächsten Jahr für den Autoverkehr geöffnet werden.

Etwas weiter: die russische Grenze: mehrere Erdwälle, Stacheldrahtzaun, Wachtürme, Soldaten, die uns mit Ferngläsern beobachten. Wir hatten hinübergewinkt. Die russischen Soldaten — wahrscheinlich erstaunt über eine solche Geste — winkten nach einiger Zeit zurück.

Um 17.00 h fuhren wir dann wieder zum Hotel nach Nikolaiken zurück, es waren noch 160 km zurückzulegen. Der Taxifahrer hatte sich dann von uns verabschiedet und fuhr nach Sensburg zurück. Er gab uns seine Adresse mit der Bitte, ihn weiter zu empfehlen, was wir auch gerne tun werden.

Am 13. April traten wir die Rückreise an: um 9.00 h nach Posen, wo wir übernachteten. Am Tage darauf fuhren wir schon um 7.30 h ab Posen und waren um ca. 23.00 h in Gießen.

Es war eine erlebnisreiche Reise, die mir unvergessen bleiben wird. Ich hoffe, daß ich es bei der nächsten Reise über Königsberg schaffe, auch Ribbenau zu besuchen.

Gießen, den 14. April 1993

Friedel Kaul

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